Das Wichtigste in Kürze
- Die Haftabzugsprüfung nach DIN EN ISO 4624 misst die Kraft, die nötig ist, um einen aufgeklebten Prüfstempel senkrecht von der Beschichtung abzuziehen.
- Neben dem Zahlenwert ist das Bruchbild entscheidend, weil es zeigt, an welcher Stelle das System versagt.
- Ein Bruch im Klebstoff bedeutet nur, dass die Haftung mindestens so hoch war wie der gemessene Wert.
- Für Prüfungen an Bauwerken und im Feld beschreibt DIN EN ISO 16276-1 die Bewertung und Annahmekriterien.
- Anforderungswerte, Prüfumfang und Bewertung sollten vor Beginn der Arbeiten in der Spezifikation festgelegt werden.
Eine Beschichtung kann noch so gut aussehen: Wenn sie nicht fest am Untergrund oder an der darunterliegenden Schicht haftet, ist ihr Schutz begrenzt. Haftungsprobleme zeigen sich oft erst Jahre später als Blasen, Abplatzungen oder Unterwanderung. Dann ist die Ursache schwer nachzuweisen und die Sanierung teuer.
Die Haftabzugsprüfung macht die Haftfestigkeit messbar. Der sogenannte Abreißversuch nach DIN EN ISO 4624 liefert einen Zahlenwert und ein Bruchbild, das viel über die Qualität von Vorbereitung, Material und Applikation verrät. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie die Prüfung abläuft, wie Sie die Ergebnisse lesen und wann sie sinnvoll ist.
Was ist eine Haftabzugsprüfung?
Bei der Haftabzugsprüfung wird ein metallischer Prüfstempel, auch Dolly genannt, mit einem geeigneten Klebstoff auf die Beschichtung geklebt. Nach dem Aushärten des Klebers zieht ein Prüfgerät den Stempel senkrecht zur Oberfläche mit steigender Kraft ab, bis es zum Bruch kommt. Aus der Abreißkraft und der Stempelfläche ergibt sich die Haftabzugsfestigkeit, angegeben in Megapascal.
Die Prüfung ist im Abreißversuch genormt beschrieben. DIN EN ISO 4624 regelt das Verfahren grundsätzlich, DIN EN ISO 16276-1 beschreibt die Bewertung und Annahmekriterien für Korrosionsschutzbeschichtungen an Bauwerken. Damit lässt sich die Prüfung sowohl im Labor als auch auf der Baustelle reproduzierbar durchführen.
So läuft der Abreißversuch ab
Ein aussagekräftiges Ergebnis setzt eine sorgfältige Durchführung voraus. Der typische Ablauf sieht so aus:
- Prüfstellen auswählen, die repräsentativ für die Fläche sind und vorher vereinbart wurden
- Beschichtung und Prüfstempel reinigen und gegebenenfalls leicht anschleifen
- Stempel mit einem geeigneten Klebstoff aufkleben und Aushärtezeit einhalten
- Je nach Vereinbarung die Beschichtung um den Stempel bis zum Untergrund einschneiden
- Stempel mit gleichmäßig steigender Kraft senkrecht abziehen
- Abreißwert ablesen, Bruchbild bewerten und alles dokumentieren
Gerade die Vorbereitung beeinflusst das Ergebnis stark. Ein schlecht verklebter Stempel, ein nicht senkrechter Zug oder ein zu schneller Kraftanstieg können den Messwert verfälschen. Deshalb sollte die Prüfung von erfahrenem Personal mit kalibrierten Geräten durchgeführt werden.
Auch die Wahl des Klebstoffs verdient Aufmerksamkeit. Er muss fest genug sein, um die erwartete Haftung übertragen zu können, darf die Beschichtung aber nicht anlösen oder chemisch verändern. Zudem müssen Temperatur und Aushärtezeit des Klebers eingehalten werden. Wird zu früh abgezogen, versagt die Klebung, bevor die Beschichtung belastet ist, und der Messwert ist wertlos.
Hydraulische und mechanische Prüfgeräte
Auf dem Markt sind verschiedene Gerätetypen erhältlich, etwa hydraulische, pneumatische und mechanische Abzugsgeräte. Sie unterscheiden sich in Messbereich, Genauigkeit und Handhabung. Wichtig ist, dass Gerät und Stempelgröße zur Aufgabe passen und dass die Ergebnisse verschiedener Prüfungen nur mit demselben Verfahren direkt verglichen werden.
Bruchbilder richtig lesen
Der Messwert allein sagt nur die halbe Wahrheit. Entscheidend ist, wo der Bruch stattfindet. DIN EN ISO 4624 unterscheidet dabei zwei grundsätzliche Brucharten:
- Adhäsionsbruch: Die Trennung erfolgt zwischen zwei Schichten oder zwischen Beschichtung und Untergrund.
- Kohäsionsbruch: Die Trennung erfolgt innerhalb einer Schicht, das Material selbst gibt nach.
Für die Dokumentation werden die Schichten mit Buchstaben bezeichnet, vom Untergrund über die einzelnen Beschichtungslagen bis zum Klebstoff und Prüfstempel. Zu jedem Bruchbild wird der Flächenanteil in Prozent angegeben. So entsteht ein genaues Bild davon, wo das System seine Schwachstelle hat.
| Bruchbild | Was es typischerweise bedeutet |
|---|---|
| Adhäsionsbruch zum Untergrund | Mögliche Mängel bei Oberflächenvorbereitung, Rauheit oder Verunreinigungen |
| Kohäsionsbruch in der Grundbeschichtung | Material oder Aushärtung der ersten Schicht prüfen |
| Adhäsionsbruch zwischen zwei Schichten | Überarbeitungsintervall, Verschmutzung oder Verträglichkeit prüfen |
| Bruch im Klebstoff | Haftung mindestens so hoch wie der gemessene Wert, Beschichtung nicht versagt |
Ein Bruch im Klebstoff ist kein schlechtes Zeichen. Er bedeutet, dass die Beschichtung stärker haftet als die Klebeverbindung. Der gemessene Wert ist dann ein Mindestwert, die tatsächliche Haftfestigkeit liegt höher.
Welche Werte sind gut?
Eine allgemeingültige Grenze gibt es nicht. Die geforderte Haftfestigkeit hängt vom Beschichtungssystem, vom Untergrund und von der Beanspruchung ab. Häufig werden Anforderungswerte in der Projektspezifikation, in Regelwerken für bestimmte Bauwerke oder in Produktdatenblättern festgelegt. Für Offshore-Anwendungen enthalten Standards wie NORSOK M-501 eigene Vorgaben für die Systemqualifikation.
Bei der Bewertung sollten Sie zwei Fragen stellen: Erreicht der Messwert die vereinbarte Mindestanforderung? Und ist das Bruchbild plausibel für ein intaktes System? Ein hoher Wert mit einem großflächigen Adhäsionsbruch zum Stahl kann kritischer sein als ein etwas niedrigerer Wert mit Kohäsionsbruch in einer Deckschicht.
Aussagekräftig wird die Bewertung erst durch mehrere Prüfstellen. Einzelne Ausreißer nach unten oder oben kommen vor und sollten nicht überbewertet werden. Zeigen dagegen viele Stellen dasselbe Bruchbild an derselben Grenzfläche, deutet das auf eine systematische Ursache hin, etwa ein überschrittenes Überarbeitungsintervall oder eine Verunreinigung zwischen zwei Arbeitsgängen. Solche Muster sind für die Ursachenanalyse oft wertvoller als der Durchschnittswert.
Wann eine Haftabzugsprüfung sinnvoll ist
Die Prüfung ist zerstörend, denn an jeder Prüfstelle muss die Beschichtung anschließend ausgebessert werden. Deshalb wird sie gezielt eingesetzt. Typische Anlässe sind:
- Qualifikation eines neuen Beschichtungssystems an Musterflächen oder Probeplatten
- Abnahmeprüfungen bei Projekten mit vertraglich festgelegten Haftwerten
- Zustandsbewertung einer Altbeschichtung vor einer Überarbeitung
- Ursachenanalyse bei Schäden wie Blasen, Abplatzungen oder Enthaftung
- Verträglichkeitsprüfung, wenn ein neues Material auf eine bestehende Beschichtung aufgetragen werden soll
Gerade bei Sanierungen ist der Abreißversuch wertvoll. Er zeigt, ob eine Altbeschichtung als Untergrund für ein neues System taugt oder ob sie vollständig entfernt werden muss. Damit hilft er, unnötige Kosten zu vermeiden und gleichzeitig Risiken auszuschließen.
Haftabzug und Gitterschnitt im Vergleich
Neben dem Abreißversuch wird häufig die Gitterschnittprüfung nach DIN EN ISO 2409 eingesetzt. Sie ist schneller und einfacher, liefert aber nur eine qualitative Einstufung und eignet sich vor allem für dünnere Schichten. Für dicke Korrosionsschutzsysteme ist der Gitterschnitt nur eingeschränkt aussagekräftig.
Der Abreißversuch dagegen liefert einen messbaren Wert und funktioniert auch bei hohen Schichtdicken. Beide Verfahren ergänzen sich: Der Gitterschnitt eignet sich für eine schnelle Einschätzung, die Haftabzugsprüfung für belastbare Nachweise. Welche Prüfungen in Ihrem Projekt sinnvoll sind, klärt eine durchdachte Qualitätsprüfung bereits in der Planungsphase.
Eine gute Haftung beginnt übrigens lange vor der Prüfung. Die meisten Haftungsprobleme lassen sich auf die Oberflächenvorbereitung zurückführen, etwa auf Salze, Staub, Feuchtigkeit oder ein ungeeignetes Rauheitsprofil. Wer hier sauber arbeitet, hat bei der Haftabzugsprüfung selten Überraschungen.
Fazit
Die Haftabzugsprüfung nach DIN EN ISO 4624 ist eines der aussagekräftigsten Werkzeuge, um die Qualität einer Beschichtung objektiv zu beurteilen. Sie liefert einen messbaren Wert und über das Bruchbild Hinweise auf die Ursache möglicher Schwächen. Richtig geplant und ausgewertet, schafft sie Sicherheit bei Abnahmen, Sanierungen und Schadensanalysen.
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Häufige Fragen
Kurze Antworten auf die Fragen, die uns zu diesem Thema am häufigsten gestellt werden.
Wir beraten Sie unverbindlich zu Ihrem Projekt – persönlich und fachkundig.
Projekt anfragen+49 (0)40 756 667 32Sie misst die Zugkraft, die nötig ist, um einen aufgeklebten Prüfstempel senkrecht von der Beschichtung abzureißen. Bezogen auf die Stempelfläche ergibt sich die Haftabzugsfestigkeit in Megapascal. Zusätzlich wird dokumentiert, an welcher Stelle und in welchem Flächenanteil der Bruch erfolgt. Erst beide Angaben zusammen ergeben ein vollständiges Ergebnis.
Ja, an jeder Prüfstelle wird die Beschichtung beschädigt und muss anschließend fachgerecht ausgebessert werden. Deshalb werden die Prüfstellen gezielt ausgewählt und ihre Anzahl vorab festgelegt. Häufig wird auch an Musterflächen oder Probeplatten geprüft, um das eigentliche Bauteil zu schonen.
Ein Bruch im Klebstoff zeigt, dass die Beschichtung fester haftet als die Klebeverbindung zwischen Stempel und Oberfläche. Der gemessene Wert ist dann als Mindestwert zu verstehen. Die tatsächliche Haftfestigkeit der Beschichtung liegt höher. Ist ein höherer Nachweis nötig, kann ein anderer Klebstoff eingesetzt werden.
Das Prüfverfahren ist in DIN EN ISO 4624 beschrieben. Für Korrosionsschutzbeschichtungen an Bauwerken regelt DIN EN ISO 16276-1 die Bewertung und Annahmekriterien. Projektspezifische Anforderungen können zusätzlich in Ausschreibung und Spezifikation festgelegt werden. Diese sollten vor Beginn der Arbeiten vereinbart sein.
Ja, der Abreißversuch ist ein bewährtes Mittel, um die Tragfähigkeit einer Altbeschichtung zu beurteilen. Er zeigt, ob die bestehenden Schichten ausreichend am Untergrund und untereinander haften. Auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, ob überarbeitet oder vollständig entschichtet werden muss. Ergänzend sind meist Schichtdickenmessungen sinnvoll.